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Mittwoch. 18. Dezember 2019

IW: Vermögensungleichheit sinkt

Glaubt man der öffentlichen Debatte, nimmt die Vermögensungleichheit in Deutschland seit Jahren ungebremst zu. Doch ein genauer Blick auf die Daten zeigt: Seit Beginn der 2000er Jahre ist sie nicht mehr gestiegen – und in den vergangenen Jahren ist sie eher gesunken als gestiegen, wie eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt.

Knapp zwei Drittel der Bundesbürger glaubten 2017, dass die Vermögensungleichheit in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Zugleich werden in der öffentlichen Debatte die Rufe nach einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer lauter, um diesem vermeintlichen Trend entgegenzuwirken. Jüngst hat sich die SPD aus Gerechtigkeitsgründen dafür ausgesprochen. IW-Forscher haben nun Ergebnisse verschiedener Datensätze analysiert, darunter Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer Langzeitbefragung von rund 30.000 Personen. Das Bild ist eindeutig: Seit Anfang der 2000er Jahre ist die Vermögensungleichheit nicht gewachsen. 

Das belegt unter anderem die Entwicklung des Gini-Koeffizienten der individuellen Nettovermögen im SOEP. Dieses Maß für Ungleichheit hat sich seit Anfang der 2000er kaum verändert. Seit 2002, also seit dem das SOEP Vermögensdaten erfasst, schwankt der Gini-Koeffizient zwischen 0,78 und 0,80 Punkten. Nach einem Anstieg zwischen 2002 und 2007 ist er heute wieder auf das Niveau von 2002 gesunken. Zur Erklärung: Ein Gini-Koeffizient von 0 bedeutet, dass alle Haushalte das gleiche Nettovermögen besitzen. Je größer also der Wert, desto höher die Ungleichheit. Zum Nettovermögen zählen Finanzvermögen wie Bargeld, Spareinlagen, Guthaben in Versicherungen und Aktien, aber auch Sachvermögen wie Häuser, Fahrzeuge und Grundstücke abzüglich aller Schulden. Vergleichbare Daten wie die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamts deuten auf eine ähnliche Entwicklung hin wie das SOEP.

Im Gegensatz zu den Einkommen sind die Vermögen allerdings ungleicher verteilt: Das liegt unter anderem daran, dass Vermögen erst später im Leben aufgebaut wird und somit stark vom Alter abhängt.

Die Aussage, dass die Vermögensungleichheit in Deutschland ungebremst zunehme, entbehrt somit einer empirischen Grundlage. „Durch die wiederholte Behauptung verfestigt sich das falsche Bild einer stetig steigenden Vermögensungleichheit“, sagt Studienautor Maximilian Stockhausen. Dies könne unnötige Sorgen in der Bevölkerung wecken oder zu einer Neiddebatte und damit zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen. „Ein sinnvoller Grund für die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer, wie es die SPD momentan fordert, ist jedenfalls nicht erkennbar“, so Stockhausen.